[Blogtour Agatha Christie] Tag 3 mit Hercule Poirot

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Agatha Christie hat Geburtstag – aber um an die Geschenke zu kommen, muss präzise, ganz wie ein Hercule Poirot ermittelt werden! Anlässlich des 125. Geburtstags der Queen of Crime laden sechs Blogger gemeinsam mit dem Atlantik Verlag zur Blogtour ein.

Vom 7. bis 12. September präsentiert täglich ein Blog einen Teil der Hercule-Poirot-Geschichte »Die Pralinenschachtel«, verbunden mit einer Rätselfrage. Wer alle Fragen gelöst hat, dem winken am Ende tolle Preise!


Teil 3 von Die Pralinenschachtel


Während ich diese Worte sagte, fiel mein Blick auf eine große Pralinenschachtel, die ganz in der Nähe auf einem Tisch lag, und mein Herz machte einen Sprung. Sie war vielleicht kein Schlüssel zu Monsieur Déroulards Tod, aber wenigstens war da etwas, was nicht normal war. Ich hob den Deckel. Die Schachtel war voll, unangetastet; es fehlte keine einzige Praline, was die Eigentümlichkeit, die mir ins Auge gesprungen war, nur umso auffälliger machte. Denn, sehen Sie, Hastings, während die Schachtel selbst rosafarben war, war der Deckel blau. Nun sieht man zwar oft ein blaues Band um eine rosafarbene Schachtel und umgekehrt, aber eine Schachtel in einer Farbe und einen Deckel in einer anderen – ça ne se voit jamais!
Mir war noch nicht klar, ob mir diese kleine Eigentümlichkeit irgendwie nützen würde, aber dennoch beschloss ich, die Sache zu untersuchen, allein, weil sie so ungewöhnlich war. Ich läutete nach François und fragte ihn, ob sein verstorbener Herr gerne Süßigkeiten gegessen habe. Ein leises, melancholisches Lächeln spielte um seine Lippen.

›Leidenschaftlich gerne, Monsieur. Er hatte stets eine Schachtel Pralinen im Haus. Sehen Sie, er trank überhaupt keinen Wein.‹

›Und doch blieb diese Schachtel unangetastet.‹ Ich hob den Deckel, um es ihm zu zeigen.

›Pardon, Monsieur, aber diese Schachtel wurde erst am Tag seines Todes gekauft, da die andere fast leer war.‹

›Dann wurde die andere am Tag seines Todes leer gegessen‹, sagte ich langsam.

›Ja, Monsieur, ich fand die leere Schachtel am nächsten Morgen und warf sie weg.‹

›Hat Monsieur Déroulard zu allen Tageszeiten Süßigkeiten gegessen?‹

›Normalerweise nach dem Abendessen, Sir.‹

Langsam sah ich Licht am Ende des Tunnels.

›François‹, sagte ich, ›können Sie diskret sein?‹

›Wenn nötig, Monsieur.‹

›Bon! Dann sollen Sie wissen, dass ich von der Polizei bin. Meinen Sie, Sie können die alte Schachtel noch irgendwo aufstöbern?‹

›Auf jeden Fall, Monsieur. Sie ist im Mülleimer.‹

Er ging und kehrte wenige Minuten später mit einem staubigen Gegenstand zurück. Es war genau die gleiche Pralinenschachtel wie die, die ich in Händen hielt, nur dass diesmal die Schachtel blau war und der Deckel rosafarben. Ich dankte François, legte ihm noch einmal nahe, diskret zu sein, und verließ das Haus in der Avenue Louise ohne weitere Umstände.
Als Nächstes rief ich den Arzt an, der nach Monsieur Déroulard gesehen hatte. Er machte mir das Leben schwer. Doch obwohl er sich elegant hinter einer Mauer aus Fachbegriffen verschanzte, hatte ich den Eindruck, dass er sich in diesem Fall seiner Sache nicht ganz so sicher war, wie er es gerne gewesen wäre.

›Es hat schon viele seltsame Vorfälle dieser Art gegeben‹, bemerkte er, als es mir gelungen war, ihm ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen. ›Ein plötzlicher Wutanfall, eine heftige Gefühlsregung – nach einem schweren Abendessen, c’est entendu – , dann schießt einem, bei einem Zornesausbruch, schon das Blut in den Kopf, und zack! – ist es passiert!‹

›Aber Monsieur Déroulard hatte keine heftige Gefühlsregung.‹

›Nein? Ich hatte es so verstanden, dass er eine stürmische Auseinandersetzung mit Monsieur de Saint Alard hatte.‹

›Weshalb denn?‹

›C’est évident!‹ Der Arzt zuckte mit den Schultern. ›Ist Mon­sieur de Saint Alard nicht einer der fanatischsten Katholiken überhaupt? Wegen dieser Fehde zwischen Kirche und Staat ging doch nach und nach ihre Freundschaft in die Brüche. Es verging kein Tag ohne Wortgefechte. In Monsieur de Saint Alards Augen war Déroulard fast schon der Antichrist.‹

Das kam unerwartet und gab mir zu denken.

›Noch eine Frage, Monsieur le docteur: Wäre es möglich, eine tödliche Dosis Gift in eine Praline zu injizieren?‹

›Ich denke, das wäre möglich‹, sagte der Arzt langsam. ›Reine Blausäure wäre dazu wie geschaffen, solange sie nicht verdunsten kann, und ein winziges Giftkügelchen würde wohl auch unbemerkt hinuntergeschluckt werden – aber das scheint mir keine allzu wahrscheinliche Hypothese. Eine Praline voller Morphin oder Strychnin …‹ Er verzog das Gesicht. ›Verstehen Sie, Mon­sieur Poirot – ein Bissen würde genügen! Der Argwöhnische legt keinen Wert auf Etikette.‹

›Vielen Dank, Monsieur le docteur.‹

Ich zog mich zurück. Als Nächstes hörte ich mich in den Apotheken um, insbesondere in der näheren Umgebung der Avenue Louise. Es hilft sehr, wenn man bei der Polizei ist. Anstandslos erhielt ich die gewünschten Informationen. Nur eine einzige Apotheke hatte eine giftige Substanz an die fragliche Adresse geliefert, und zwar Augentropfen mit Atropinsulfat für Madame Déroulard. Atropin ist ein hochwirksames Gift, und einen Augenblick lang war ich guter Dinge, doch die Symptome einer Atropinvergiftung ähneln sehr stark denen einer Fleischvergiftung und hatten mit meinem Fall überhaupt nichts gemein. Und außerdem handelte es sich um ein altes Rezept. Madame Déroulard hatte schon seit vielen Jahren auf beiden Augen den grauen Star.
Entmutigt wandte ich mich ab, als der Apotheker mich zurückrief.

›Un moment, Monsieur Poirot. Mir ist gerade eingefallen, das Mädchen, das das Rezept vorbeigebracht hat, hat irgendetwas gesagt von wegen, sie müsse noch weiter in die englische Apotheke. Sie können es ja dort mal versuchen.‹


Agatha Christie
Das große Hercule-Poirot-Buch
Die besten Kriminalgeschichten
ISBN 978-3-455-60032-2
Copyright © 1999 Agatha Christie Limited. All rights reserved.
AGATHA CHRISTIE® POIROT® and the Agatha Christie Signature are registered trade marks of Agatha Christie Limited in the UK and/or elsewhere. All rights reserved.
Für die deutschsprachige Ausgabe
Copyright © 2015 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
Aus dem Englischen von Michael Mundhenk

Welche Farbe hat der Deckel der aus dem Müll-gefischten Pralinenschachtel? Der Anfangsbuchstabe ist der 4. Buchstabe unseres Lösungsworts.

Alle Informationen zum Gewinnspiel könnt ihr hier nachlesen.

Termine

Morgen geht es weiter bei ReadPack und die ganze Geschichte lest ihr auf folgenden Blogs:

07.09. Papiergeflüster
08.09. Krimilese
09.09. Kielfeder
10.09. ReadPack
11.09. Lesestunden
12.09. Frauhauptsachebunt

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