***Hunger auf Leben

von potterhead0916
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Ich bin rezidivierend depressiv. Das bedeutet, meine Depression kann immer wieder zurückkommen. Es gibt also zwischen den hellen Momente sogenannte Episoden. Aber nur, weil man mal einen Tag etwas gedrückter ist, ist das keine depressive Episode. Das muss dann schon etwas länger anhalten.

Ich habe jetzt seit etwas über zwei Jahren in keiner Episode mehr gesteckt. Die letzte Episode war sehr schwer und es dauerte fast drei Jahre, bis ich sie wirklich überwunden hatte.

Seit ich mich aus der Dunkelheit berappelt habe, erwacht immer stärker mein Hunger aufs Leben. Ich weiß gar nicht, wie ich das anders beschreiben soll. Je besser ich mich fühlte, je sicherer ich wieder auf eigenen Beinen stehe, desto mehr möchte ich mein Leben voll auskosten.

Manchmal fühlt es sich an, als hätte ich die Mitte meiner Zwanziger ein Stück weit verloren, oder verpasst. Und das macht mich traurig. Denn in dieser Zeit habe ich um mich gekämpft. Habe buchstäblich ums Überleben gekämpft. Natürlich ist die Zeit nicht verloren. Das klingt so dramatisch, aber natürlich habe ich die Zeit dennoch anders verbracht, als ich mir das eigentlich gewünscht hätte. Nichtsdestotrotz war diese Zeit ein wichtiger Lernprozess und ohne die Therapien und die Dunkelheit wäre ich heute nicht da, wo ich bin.

Umso größer ist mein Hunger danach, Dinge zu erleben. Ich merke, wie ich nach einer zu langen Zeit in einer Routine rastloser werde. Ich bin ein sehr abenteuerlustiger Mensch. Das kenne ich so gar nicht von mir, da ich meine Routine eigentlich ganz gerne mag. Aber ich habe mich verändert. Und das ist ok. Immer mehr spüre ich, dass mir das eben nicht mehr reicht.

Vor 10 Jahren hätte ich mir mein Leben mit Ende 20 auch ganz anders ausgemalt. Von diesen Vorstellungen bin ich heute weit entfernt, beinhalteten sie doch allesamt Nachwuchs, den ich mir aktuell überhaupt nicht vorstellen kann.

Ich fühle mich teilweise wirklich ausgehungert. Ich möchte so viel mehr sehen, erleben, spüren, wahrnehmen. Denn irgendwie packt mich manchmal auch aus dem Hinterhalt die Angst, wann meine nächste Episode kommt. Werde ich sie spüren? Werde ich die Dunkelheit bemerken, sobald sie sich anschleicht? Werde ich entgegenwirken können, oder werde ich erst in der Verzweiflung ersticken, wenn ich schon mittendrin stecke? Ich habe Angst, dass mir die Depression wieder ein Stück meines Lebens klaut. Ich wieder kämpfen muss. Ums Atmen. Ums Sein. Und mir dann wieder all die Dinge versagt bleiben, die ich mir so sehr wünsche. Mich besser kennenlernen. Die Welt entdecken. Freiheit spüren.

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