Interview mit Nicole C. Vosseler

Nicole C. Vosseler hat für kielfeder einem Interview zugestimmt!

Viel Spaß!


Bücher, von mir gelesen und empfohlen:
Der Himmel über Darjeeling
Die Caravaggio-Verschwörung
Sterne über Sansibar
Unter dem Safranmond




Liebe Nicole, vielen Dank, dass Du dir für die Fragen Zeit genommen hast!
Bitte erzähle zu Beginn doch kurz etwas über Dich!

Ich lebe in Konstanz am Bodensee – und dort ziemlich genau im letzten Zipfel von Deutschland, zwischen der Grenze zur Schweiz und dem Seerhein. Nachts, wenn alles sonst still ist, ich aber noch am Schreibtisch sitze, kann ich das Knatschen und Quaken der Wasservögel am Flussufer und das Bellen der Füchse hören. Seit einigen Jahren bin ich hauptberuflich Autorin, und neben zwei historischen Romanen für Jugendliche habe ich fünf für Erwachsene veröffentlicht, einen davon unter Pseudonym.


Du kannst mittlerweile eine schöne Bibliografie vorweisen. Gerade erst ist Dein Roman „Sterne über Sansibar“ erschienen.
Was motiviert Dich immer wieder auf neue zum Schreiben eines Buches?
Zuallererst meine Neugierde – auf eine vergangene Zeit, bestimmte Orte und darauf, was meinen Protagonisten in ihrem „Romanleben“ bevorsteht. Und weil ich einfach nicht anders kann: sobald mich eine Geschichte richtig gepackt hat, lässt sie mich auch nicht mehr los, bis ich sie zu Ende erzählt habe.


Wie und wann hast Du mit dem Schreiben angefangen?
Ich fand es schon als Kind faszinierend, dass es Menschen gibt, die all die wunderbaren Geschichten schreiben, die sich zwischen Buchdeckeln befinden – wenn ich auch keine genauere Vorstellung vom Schreiben hatte. Nur das große Bedürfnis, mir ständig neue Geschichten auszudenken.
Meine ersten eigenen Schreibversuche waren schrecklich sentimentale Gedichte im Teenageralter, danach viel zu lange Kurzgeschichten und einige Romanfänge, die aber nie weiter gediehen als ein oder zwei Seiten.
Den ersten ernsthaften Anlauf unternahm ich mit gut dreiundzwanzig – mit der Geschichte, aus der dann ein paar Jahre später mein erster veröffentlichter Roman wurde.


Du schreibst über längst vergangene Zeiten und Personen. Wie viel Wert und Zeit nimmst Du Dir für eine Recherche?
Die Recherche nimmt sicher den größten Teil der Arbeit an einem Buch ein. Sie beginnt meistens schon, während ich noch am vorigen Buch schreibe. Ich erarbeite mir nicht nur den jeweiligen zeitgeschichtlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund, sondern auch bis ins Detail die Schauplätze zum Zeitpunkt der Romanhandlung. Überhaupt sind mir Details sehr wichtig, angefangen von Kleidung und Alltagsleben bis hin zu kleinen Eigenarten meiner Protagonisten, ihrer Herkunft und ihrer Biographie. Ich muss das Gefühl haben, die Welt eines Romans genau zu kennen, sie in allen Einzelheiten und mit allen Sinnen wahrnehmen zu können, ehe ich zu schreiben beginne.


Wie stößt Du auf die immer wieder neuen Geschichten? Suchst Du nach ihnen oder finden sie Dich?
Sowohl als auch – denn wie es so schön heißt: wer sucht, der findet (und wird dann auch gefunden…). Ich sammle ständig kleine Ideen-Schnipsel – historische Ereignisse und Persönlichkeiten, Themen oder Länder, über die ich gerne einmal in irgendeiner Form schreiben möchte. Manchmal ergibt sich daraus dann tatsächlich eine Spur, die ich weiterverfolge und aus der sich dann eine Geschichte entwickelt. Und manchmal fällt eine Geschichte buchstäblich vom Himmel, ist scheinbar von Gleich auf Jetzt einfach da – was jedes Mal aufs Neue wirklich sternstündig ist.


Wie bist Du zu deiner ersten Veröffentlichung gekommen? Hast Du lange gebraucht, bis Dein erster Roman angenommen wurde?
Zu Beginn habe ich mehrere Versuche unternommen, das Manuskript in Eigenregie an einen Verlag zu bringen, die aber ausnahmslos alle fehlschlugen. Sobald ich dann durch meine heutige Agentur vertreten wurde, ging es recht schnell: knapp fünf Monate, bis der Buchvertrag unterschrieben war.


Du hast unter anderem Literaturwissenschaften studiert. Steht das in einer Verbindung mit Deiner Tätigkeit als Autorin?
Ja, auf jeden Fall. Dass ich einmal Autorin werden würde, war schon sehr lange mein erklärtes Ziel – aber nach dem Abitur konnte ich mich schlecht einfach hinsetzen und sagen: so, ab heute bin ich Autorin, Punkt. Eine Berufsausbildung vorab schien mir vernünftig, ein Studium noch vernünftiger, und Literaturwissenschaft lag da einfach nahe. Ich habe aus dem Studium auch sehr viel mitgenommen, was mir heute bei der Arbeit hilft.


Schreibst Du lieber Jugendbücher oder Bücher für Erwachsene? Was sind da für Dich die wesentlichen Unterschiede?
Ich schreibe beides gleich gern, gerade auch, weil es ein ganz unterschiedliches Arbeiten ist. Komplexe historische Zusammenhänge für Jugendliche verständlich wiederzugeben, ohne sie zu verfälschen oder langweilig wirken zu lassen ist eine enorme Herausforderung, weitaus mehr als in einem Roman für Erwachsene. Andererseits erlaubt ein Jugendbuch an vielen Stellen einen lockeren bis flapsigen Sprachstil, an dem ich selbst großes Vergnügen habe, weil er mir persönlich näher ist. Und manche Geschichten lassen sich spannender im Jugendbuch erzählen, während andere für mich nur als Erwachsenenbuch vorstellbar sind.


Deine Geschichten spielen an fernen Orten wie Sansibar, Indien oder England? Bereist Du diese?
Reisen gehören für mich manchmal zur Vorbereitung auf einen Roman dazu, aber nicht immer, vor allem nicht immer zwingend an die Originalschauplätze. Ich will die Schauplätze einer Geschichte nicht so schildern, wie ich, ein Mensch des 21. Jahrhunderts, sie heute sehe und wahrnehme, sondern aus der Sicht der Menschen, die damals vor Ort waren. Deren Wahrnehmung ist mir wichtig – nicht so sehr meine eigene. Alte Reiseberichte sind mir dabei die wertvollste Quelle, Briefe und Tagebücher, Karten, Pläne, Zeichnungen und Photographien.


Wo und wann schreibst Du am liebsten?
Obwohl ich die Geschichte, an der ich gerade schreibe, gedanklich fast überall hin mitnehme, schreibe ich aktiv am Manuskript einzig und allein an meinem Schreibtisch. Ich bin von Natur aus ein Nachtmensch, und die kreativste Zeit zum Schreiben ist bei mir in der Regel zwischen 22 Uhr und 1 Uhr nachts.


Wie sieht ein typischer Nicole-Schreibtag bei Dir aus?
Mein eigentlicher Arbeitstag beginnt relativ spät: an das Manuskript setze ich mich gewöhnlich zwischen 14 und 15 Uhr. Klingt natürlich luxuriös – aber bis zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits alle sonstigen anfallenden Dinge erledigt, wie Post, E-Mails, Telefonate, Besorgungen oder Haushaltskram. Von einer knapp einstündigen Pause gegen 19 Uhr abgesehen, arbeite ich dann bis in die Nacht hinein. Normaler Feierabend ist zwischen 1 und 2 Uhr nachts, wobei es nicht selten vorkommt, dass ich doch länger am Manuskript schreibe oder danach noch ein oder zwei Stunden für das nächste Buch recherchiere.


Wann ist für Dich ein Buch abgeschlossen?
Faktisch abgeschlossen ist ein Buch, sobald es in Druck geht; ab diesem Zeitpunkt kann ich nichts mehr daran tun. Gedanklich und emotional ist es für mich damit allerdings noch lange nicht zu Ende. Danach beginnt das Warten auf das fertige Buch, auf die Leserreaktionen nach Erscheinen und die Zeit des langsamen Loslassens. Innerlich abgeschlossen ist es meist erst einige Monate nach Veröffentlichung. Und ein bisschen bleibt ein Buch immer ein Teil meines Lebens; schließlich habe ich viele Monate damit verbracht.


Was machst Du, wenn Du nicht gerade schreibst?
Ganz normale Dinge eigentlich: den Alltag zwischen Haushalt und Büroarbeit (die auch zum Autorendasein dazugehört) bewältigen. Lesen. Mit Kunst, Filmen, Sport, die Akkus wieder aufladen. Draußen sein. Tagträumen. Zeit mit den Menschen verbringen, die mir am Herzen liegen.


Beschäftigst Du Dich auch außerhalb eines neuen Romans mit geschichtlichen Themen?
Ich finde Geschichte unglaublich spannend, auch wenn es um Themen oder Epochen geht, über die ich voraussichtlich nie schreiben werde. Ich liebe einfach alles, was mit der Vergangenheit zu tun hat – und damit es nicht zu vergangenheitslastig wird, hat auch die Gegenwart ihren Platz. Weil ich finde, dass gerade die Bezüge zwischen Damals und Heute der Beschäftigung mit der Vergangenheit erst eine Bedeutung verleihen.


Liest Du selbst gerne und hast Du Autorenvorbilder?
Ich lese sehr gerne; ein Leben ohne Bücher ist für mich nicht vorstellbar.
Vorbilder im weiteren Sinne sind für mich Margaret Mitchell und M.M. Kaye für die meisterhafte Mischung aus Fakten und Fiktion in ihren Romanen; A.S. Byatt für ihre Ausdruckskraft und die Vielschichtigkeit ihrer Bücher. Und immer wieder E.M. Forster für seine Sprache und Menschenkenntnis.


Bitte vervollständige diese Sätze:
Schreiben ist…

… die Ausdrucksform, die mir am meisten im Blut liegt.


Ich bin glücklich, wenn…
… ich sowohl mit mir als auch mit der Welt im Reinen bin.


Liebe Nicole, vielen Dank und weiterhin viel Erfolg mit deinen Büchern!
Danke, Ramona – war mir ein Vergnügen! Alles Gute auch für Dich!

Deine Meinung ist mir wichtig und ich freue mich, wenn Du mir schreibst!

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